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Team bei der Produktentwicklung

Strategie: Komplexe Produktentwicklung in dynamischen Umgebungen

Die Digitalisierung sorgt in vielen Bereichen für Veränderung und auch im Bereich der Produktentwicklung müssen wir neue Wege finden, damit umzugehen. In vielen Domänen herrscht eine starke Dynamik, etwa durch eine hohe Veränderungsgeschwindigkeit bei der Technologie und niedrigere Markteintrittsbarrieren. Um beispielsweise eine App zu entwickeln, benötige ich heute nicht mehr Unmengen an Kapital, sondern kann diese auch mit geringen Mitteln auf den Markt bringen.

Zusätzlich verstärkt das große Innovationspotential im Bereich Technik die Dynamik ungemein. Nehmen wir als Kennzahl für ein erfolgreiches Produkt beispielsweise 50 Millionen Nutzer: Das hat beim Telefon gute 57 Jahre gedauert, beim Mobiltelefon zwölf Jahre, bei Facebook drei Jahre – und bei Pokémon Go 19 Tage.

Wie kann ich also ein Produkt entwickeln, das den schnellen Veränderungen am Markt standhält? Indem ich eine Produkt-Strategie nutze, die ich weniger als einen langfristigen Plan, ein fertiges Artefakt sehe, sondern eher als eine Tätigkeit – einen kontinuierlichen, kollaborativen Abgleich langfristiger Ambitionen mit der Realität.

Wie sieht meine Umgebung aus: kompliziert oder komplex?

Es gibt natürlich Problemstellungen, die vorher analysiert werden und mit Hilfe von Experten und nach einem Plan gelöst werden können. Solche komplizierten Probleme lassen sich gut mit einer Projekt-Denkweise lösen: Ich habe einen festgelegten Projektbeginn, einen Plan, nach welchem ich vorgehe und ein Projektende.

In Domänen, die durch ihre Gegebenheiten eher komplex sind, ist das allerdings anders: Es gibt viele Ungewissheiten und Variablen, die sich ändern, was mich dazu zwingt, konstant im Kontakt mit meiner Umwelt zu bleiben, die Lage neu zu bewerten und mein Vorgehen daraufhin anzupassen. Ich den Weg zum Erfolg vorher schlecht planen, höchstens im Nachhinein erkennen. 

Framework, um der Komplexität und Dynamik in unseren Umgebungen gerecht zu werden

Wir haben ein Framework mit sechs Schritten entwickelt, mit welchem sich Komplexität und Dynamik zu unserem Vorteil nutzen lassen.

Es  besteht aus folgenden Punkten:

  1. Purpose
  2. Context (Kontext)
  3. Challenges (Herausforderungen)
  4. Baseline (Startpunkt)
  5. Ambitions (Ambitionen)
  6. Action & Evaluation (Handlung & Evaluation)
Komplexität und Dynamik nutzen: Meta-Framework zur Produktentwicklung in dynamischen Umgebungen.

Im Fokus steht der kollaborative Prozess, der gemeinsam durchlaufen wird, bei dem ein gemeinsames Produktverständnis und eine größere Klarheit über die Rahmenbedingungen und Ziele entsteht. Wir ziehen regelmäßig Bilanz und betrachten unser Umfeld, sodass wir unser eigenes Handeln entsprechend anpassen können. Dabei sind diese Schritte als eine Art Meta-Framework zu sehen, die kein Ersatz, sondern eine Erweiterung zu anderen Methoden, Canvases usw. darstellen. Je nach Produkt, Gruppe, die an diesem arbeitet oder auch Markt, in dem agiert wird, kann dieses Framework mit passenden Methoden gefüllt werden.

1. Alles beginnt mit dem Purpose

Der Purpose beschreibt zu Beginn den Sinn und Zweck, warum wir eigentlich etwas machen wollen.

  • Welche Daseinsberechtigung hat unser Produkt und welche Überzeugungen leiten uns, es zu entwickeln?
  • Warum ist unser Produkt wichtig und für wen?

Die Fragen, mit denen wir uns dabei auseinandersetzen, werden uns auch bei den weiteren Schritten immer wieder beschäftigen. Er bildet die Basis, die wir immer wieder zur Rate ziehen.

2. Rundumblick: Kontext einbeziehen

Im zweiten Schritt betrachten wir den Kontext, in dem wir unser Produkt entwickeln und was dabei Relevanz für unser Handeln Relevanz haben könnte.

  • Welche Trends haben Einfluss auf unser Produkt?
  • Welche Mitbewerber haben wir?
  • Welche Produkte konkurrieren mit unserem?
  • Wie lösen unsere potenziellen Kunden/User/Anwender heute ihre Bedürfnisse?

3. Vor welchen Herausforderungen stehen wir?

Hier geht es darum, auch implizite Herausforderungen, die Menschen vielleicht erstmal nur in ihren Köpfen haben, explizit zu machen, um eine Diskussionsgrundlage zu schaffen. Das heißt nicht, dass wir unbedingt für alles eine Lösung finden müssen, sondern dass wir Annahmen machen, um über diese zu sprechen.

  • Welche Risiken sehen wir, die uns beeinflussen können?
  • Gibt es Risiken, auf die wir nicht passend vorbereitet sind?
  • Welche Chancen sehen wir, die unsere Herausforderungen beeinflussen können?
  • Gibt es Chancen, die wir nicht ausreichend nutzen?
  • Welche Herausforderungen können unser Vorhaben komplett zum Stillstand bringen?
  • Welche davon betreffen uns vielleicht sogar bereits heute, was wir bisher nicht wahrgenommen haben?

4. Baseline: Auf die Plätze, fertig – los?

An diesem Punkt ist es wichtig, eine sehr ehrliche, schonunglose Bilanz zu ziehen: Wo stehen wir in Bezug auf die beiden vorherigen Punkte „Kontext“ und „Herausforderungen“? Wenn wir unsere aktuelle Situation hier nicht realistisch einschätzen, kann uns später wieder unangenehm einholen.

  • Wie sehen unsere aktuellen Erfolgszahlen aus?
  • Wo befindet sich unser Produkt in seinem Lebenszyklus?
  • Wo befinden sich unsere Features dort?
  • Woher wissen wir, dass wir hier stehen? Woran machen wir das fest? Welche Beweise haben wir?

Um das Produkt in seinem Lebenszyklus im Rahmen zu betrachten, gibt es verschiedene Modelle. Um die Gegebenheiten dynamischer Umgebungen einzubeziehen, haben wir zwei davon näher betrachtet und einen Hybrid aus beidem entworfen. Mehr dazu folgt im nächsten Beitrag.

5. Hoch hinaus: Ambitionen

Wir kennen nun unseren Kontext und unsere Herausforderungen, aber wo wollen wir eigentlich genau hin? Im nächsten Schritt sollten wir uns über unsere längerfristigen Ambitionen klar werden, die über den nächsten Sprint oder das nächste Quartal hinausgehen. Diese sollten uns eine Richtung vorgeben und eine solide Basis bieten, um bei Anpassungen vorzunehmen. Wenn wir beispielsweise neue Informationen erhalten, dienen sie als Wegweiser, um diese einzuordnen und entsprechend zu reagieren. Konkrete Ambitionen, deren Erreichen sich auch messen bzw. erkennen lässt,

  • Was wollen wir langfristig erreichen?
  • Woran erkennen wir, wenn unsere Ambitionen erreicht haben?
  • Welche Alternativen haben wir?

6. Und nun? Aktion und Evaluation

Wenn wir wissen, wo wir eigentlich hinwollen, können wir konkrete nächste Schritte identifizieren. Hier geht es darum, die langfristigen Ambitionen in überschaubare Häppchen herunterzubrechen, etwa auf das nächste Quartal bezogen oder ­– je nach Methodik – auf den nächsten Sprint. Dabei behalten wir im Blick, dass diese Zwischenschritte auf die langfristigen Ambitionen einzahlen.

  • Welchen nächsten Erfolg müssen wir herstellen, um unseren Ambitionen einen Schritt näher zu kommen?
  • Woran erkennen wir, dass wir diesen Erfolg erreicht haben?
  • Womit starten wir morgen, damit wir unsere Ambitionen besser erreichen?

Je nachdem, wo wir uns gerade im Produkt-Lebenszyklus befinden, werden sich auch die Fragen ändern, die wir uns bei den einzelnen Punkten stellen. Je nach Reife des Produktes habe ich beispielsweise eine andere Qualität von Informationen über Markt, Zielgruppen und deren Verhalten. Entsprechend Fallen auch die Antworten in ihrer Tiefe anders aus. Auch die Häufigkeit der erneuten Betrachtung mit der Produktreife schwanken.

Hast du Fragen dazu oder möchtest mehr Infos? Schreib uns! In unserem Product-Owner-Webinar am 5. Mai stellen wir das Framework außerdem noch einmal genauer vor und beantworten alle Fragen dazu.


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