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Retrospektive mit Liberating Structures

Aus gegebenen Anlass möchte ich kurz meine Erfahrung mit Liberating Structures in Retrospektiven teilen.

Am Dienstag bei der Liberating Structures User Group hier in Hamburg hat sich gezeigt, dass einige Scrum Master frischen Wind für ihre Retros gebrauchen können und die Liberating Structures eine willkommene Gelegenheit dafür bieten könnten.

Wie der Zufall es will, habe ich letztens eine Retro mit Liberating Structures durchgeführt. Als Vertretung eines Kollegen war es für mich die erste Retro mit dem Team. Die Teamstärke ist 16 Mitglieder, im Vergleich zu meinen Scrum Trainings und sonstigen Retros schon eine Großgruppe. Das Team hatte nach dem vorherigen 4-Wochen-Sprint eine Retro von 4 Stunden Dauer voll genutzt, als Maßnahme aber beschlossen, die nächste Retro, also die mit mir, in 3 Stunden zu absolvieren.

Ich hatte also ein großes Team und wenig Zeit. Der Gedanke „Nimm doch die Liberating Structures dafür!“ sprang mich regelrecht an. Also habe ich mir eine Abfolge der Structures, einen sogenannten String, ausgedacht und die Retro dann einfach mal so gemacht. Und es hat funktioniert.

Woran habe ich gemerkt, dass es funktioniert hat?

  • Alle haben sich beteiligt. Zwei aus dem Team haben sich erst mal zurückgehalten („oh, schon wieder was Neues…“) und sich nicht an der Kleingruppenfindung beteiligt. Die beiden wurden dann aber ganz automatisch von den anderen aufgesucht und miteingebunden, weil nur so die vorgegebene Anzahl aufging. Einmal in die Diskussionen eingebunden, waren sie dann auch dabei. Meine Erfahrung ist, dass Gruppen ihre Diskussion immer finden.
  • Der Austausch war intensiv. Obwohl das Team die Frage „Was lief gut?“ mit 1-2-4-All mit rund 12 Minuten ziemlich schnell abgewickelt hat, schien doch alles gesagt und es lag eine gewisse Sattheit in der Luft. Die Antworten, die dann am Flipchart landeten, hatten nach der 2er-und 4er-Diskussion eine ganz neue Art von Reife.
  • Die Retrospektive war energetischer. Woran lag das? Vielleicht an der Neugier für die neuen Formate. Vielleicht daran, dass Bewegung im Raum ist, wenn sich ständig neue kleine Gruppen finden. Vielleicht kommt man durch immer wieder neue Gesprächspartner in kleineren Runden auch tiefer an sein Thema ran und ist dadurch betroffener und engagierter.
  • Der Fokus war höher. Im Gegensatz zur Standard-Retrospektive, in der meist nur einer zurzeit redet, laufen mit den Liberating Structures mehrere Gespräche gleichzeitig. Dadurch hat jeder einzelne in der Summe mehr Zeit und Gelegenheit, sich mitzuteilen, anderen zuzuhören und sich auszutauschen.
  • Wir hatten nach 2,5 Stunden 6 handfeste Maßnahmen und ein gesundes Abschluss-Gefühl im Raum.

Folgenden String habe ich in die üblichen Phasen der Retrospektive eingebettet:

  • 1-2-4-All für die Leitfrage „Was hat für dich im letzten Sprint besonders gut funktioniert?“
  • 25/10 Crowd Sourcing für die Leitfrage „Was war deiner Meinung nach das größte Problem bei der Erreichung des Sprintziels?“
    Dieses Format lief ein wenig chaotisch, ich hätte es vorher noch besser erklären sollen (so auch der ausdrückliche Tipp auf der Website). Nichtsdestotrotz haben die Teilnehmer die für sie relevanten Probleme innerhalb von 15 Minuten so formuliert, diskutiert und priorisiert, dass sie im nächsten Schritt wunderbar damit weiterarbeiten konnten.
  • 1-2-4-All für die Leitfrage „Angenommen, der nächste Sprint ist rum und das Problem ist nicht mehr aufgetreten – wie habt ihr das hinbekommen?“ für das höchstpriorisierte Problem aus dem Schritt davor.
    Wir hätten hier weitermachen und noch Maßnahmen für die nächstpriorisierten Probleme finden können. Aber mit 6 gefunden Maßnahmen war das Team zufrieden und hatte genug.

Also, nehmt den oben beschriebenen String oder bastelt euch selbst einen, und probiert es einfach mal aus! Ihr könnt es als Experiment deklarieren, das funktionieren kann, aber nicht muss. Ich wette, eure Teams werden es euch danken.

Wenn du üben möchtest, hier geht’s zu den Meetups.

Ich freue mich auf Austausch mit euch!

 

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Über den Autor

Erik Hogrefe

Ich bin bei der Holisticon AG in Hamburg als Agiler Coach und Berater tätig. Ich unterstütze Teams und Unternehmen bei der Einführung von agilen Vorgehensweisen und bei der Durchführung von agilen Projekten.

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