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Anti-Pattern-Kalender 2015 – Stealth-Programmierung

Stealth bedeutet Heimlichkeit. Ein sogenannter Tarnkappenbomber (siehe unten) fliegt weitgehend unsichtbar durch das gegnerische Radar, um unentdeckt zu bleiben. Häufig genug, um nicht nur zu spionieren, sondern Angriffe zu fliegen.

Jedwede böse Absicht wollen wir Mitgliedern unserer Scrum-Teams natürlich von vornherein absprechen! Trotzdem gibt es immer wieder Entwickler, die unterhalb des Teamradars (aka Taskboard) operieren, um dort heimlich „Dinge zu tun“.
Wenn wir böse Absicht also ausschließen wollen, bleibt die Frage: warum?

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In den meisten Fällen ist es der gutmeinende Entwickler, der immer schon im Voraus weiß, was als nächstes kommen wird und deshalb schon mal etwas vorbereitet; man wird es ja eh bald brauchen und dann hat man es schon mal.
Leider greift hier nur allzu häufig das Prinzip

YAGNI: „You ain’t gonna need it!“

Das iterativ-inkrementelle Vorgehen hat schon seinen Sinn! Man geht einen kleinen Schritt in die gewünschte Richtung und holt sich schnellstmöglich im Sprint Review Feedback ein. Hier können viele Dinge passieren, aber eben auch zwei Dinge, die den weiteren Verlauf negativ beeinflussen können:

  • das, was man entwickelt hat, ist falsch. In dem Fall hat man sehr gut daran getan, nicht schon weiterzumachen, denn es war ja offensichtlich die falsche Richtung!
  • das, was man entwickelt hat ist richtig, aber die bisherige Lösung ist schon ausreichend! In diesem Fall ist ein weiteres Voranschreiten in die Richtung überflüssig, denn man hat sein gewünschtes Ziel ja schon erreicht.

In beiden Fällen wäre jede Arbeit, die vorausahnend in diese Richtung geht, reine Verschwendung und damit ziemlich „unlean“.

Dies ist allerdings nur die objektive Sicht auf den Wert der geleisteten oder eben die Verschwendung durch unnütze Arbeit. Der aus gruppendynamischer Sicht viel entscheidendere Blickwinkel ist der aus Teamsicht: Scrum kennt keine Einzelleistungen.

Auch wenn es immer wieder Experten gibt, die bestimmte Schwerpunkte in ihren Fähigkeiten besitzen und deshalb besser geeignet für eine bestimmte Aufgabe sind als andere Teammitglieder, sind doch alle Sprintinhalte immer Teamaufgaben. Schätzungen werden gemeinsam vorgenommen, das Commitment wird gemeinsam abgegeben, die Ergebnisse werden gemeinsam im Review vorgestellt, Urlaubskoordination, Pair Programming, alles Teamaufgaben! Und wenn dann einer daherkommt und heimlich (stealthy) am Team vorbei nicht abgesprochene Aufgaben übernimmt, schmälert er die Teamleistung und gefährdet damit potenziell den Sprinterfolg. Dies darf das Team nicht hinnehmen und spätestens in der nächsten Retrospektive muss dieses Thema zur Sprache kommen.

In offener und konstruktiv-ehrlicher Atmosphäre ist hier der richtige Ort, um darüber zu reden, wie sich das Team gemeinsame Arbeit ohne Alleingänge vorstellt. Eine solche Situation ist übrigens ein guter Grund, mal von einer „Standard-Retro“ abzuweichen und eine Spezial-Retro zu einem dedizierten Thema vorzunehmen, vielleicht gepaart mit einem Teamevent im Anschluss. Ich bin sicher, im Anschluss ist der Heimlichtuer wieder eingefangen und das Team tickt wieder mit einem gemeinsamen Herzschlag.

Über den Autor

Carsten Sahling

Als klassischer Projektmanager (GPM), Certified Scrum Professional, Professional Scrum Master, Agile Project Management Practitioner, agiler Coach und Trainer vereine ich verschiedene Sichtweisen des Projektmanagements und helfe damit insbesondere größeren Unternehmen, die traditionell eher klassisch aufgestellt sind, bei der Einführung in die agile Denkweise und bei der erfolgreichen Durchführung auch großer agiler Projekte.

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