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Die Sache mit dem Horizont (IoT-Blogserie, Episode 5)

In Episode 4 war zu lesen, dass im Marktsegment des Endkunden-IoT die eigentliche Revolution geschieht (im Gegensatz zum Firmen-IoT). Das ist so, weil die Netze an verbundenen Geräten und Diensten im Endkunden-Segment eine vielfach größere Dimension haben und weil hier das Volk über den Mehrwert entscheidet. Eine große Chance für clevere Startups, die mit schnieken Ideen die Großen zwiebeln – schneller, als diese „Blaubeerpfannkuchen“ sagen können.

Die Frage nach dem zukünftigen sinnstiftenden Nutzen von IoT-Produkten und -Diensten wird plötzlich überlebenswichtig. Aber worin wird denn nun der zukünftige Mehrwert beim Internet of Things zu finden sein? Für mich liegt die Antwort darauf in den Wortbestandteilen Inter und net (die Things stehen nur an zweiter Stelle.)

Diese hier bildhaft dargestellte Evolution of Internet of Things macht zumindest ein paar Andeutungen. Sie verlangt, dass die Dinge miteinander reden und dass sie (neben einer zentralen, maschinellen Steuerung) auch eine autarke, lokale Intelligenz besitzen, jedenfalls interpretiere ich das so. Diese unscheinbar, ja fast schon selbstverständlich wirkenden Kriterien sind gar nicht so harmlos, wie sie erscheinen. Was meine ich damit?

Elbhochwasser Dresden 2013

Nehmen wir das Elbhochwasser 2013. Sie haben die Bilder noch vor Augen? Menschen schließen sich in ihrer Not zusammen und nutzen ihre Smartphones, um mit Hilfe einer interaktiven Karte im Internet anderen Helfern in Echtzeit anzuzeigen, wo welche Hilfe gebraucht wird. Kein noch so gut organisierter Katastrophenstab wäre in der Lage gewesen, solche Echtzeit-Informationen in dieser Güte herzustellen. Die genutzten Smartphones waren zwar irgendwie IoT-Devices, sie haben aber nicht miteinander kommuniziert. Die Gesamt-Intelligenz wurde durch soziale Interaktion hergestellt. Es gab keine zentrale, maschinelle Intelligenz, sondern allenfalls eine Informationsinfrastruktur in Form der Karte. So gesehen ist das Elbhochwasser ein schönes Anti-Beispiel für IoT. Es macht gleichzeitig aber auch deutlich, woran es für ein gutes IoT-Beispiel oft noch hapert.

Schon anders sieht das aus bei Apples HomeKit, das in diesem Monat kommen soll. Es will einen Standard für die Anbieter von Smart Home-Lösungen schaffen, den diese in ihre Produkte integrieren können (bzw. müssen). Ziel ist die einheitliche Steuerung proprietärer Smart Home-Produkte über Apple TV. Hier wird also eine Integrationsplattform erschaffen. Sprich mit Siri und eines der definierten Action Sets, z.B. „Ich gehe zu Bett“ fährt alle Rollos herunter und stellt Heizung und Licht aus.  Ein Energiesparpotenzial von gut 20% soll sich daraus ergeben können, so dass für Umweltbewusste ein wirklich sinnvoller Nutzen entsteht.

Wie schon damals zu Zeiten des Umbruchs im Musiksektor hat Apple unbemerkt schon längst Verträge mit führenden Smart Home-Anbietern geschlossen und damit eines der heutigen Probleme erkannt, nämlich das der (Zu)VielfaltWenn jeder Hersteller auf sein eigenes Produkt und seine eigene App pocht, wird für den Endkunden nur ein geringer Mehrwert geschaffen. Eine wichtige Triebfeder für den Kaufimpuls im Bereich des Endkunden-IoT ist dabei die Bequemlichkeit (Convenience). Und wenn diese Triebfeder mit einem gesellschaftlichen Mehrwert für eine bessere Welt (Umweltfreundlichkeit, Hilfe für Bedürftige, Zeit für die Familie und Freunde, Verbesserung von Arbeitsbedingungen, Eliminierung von Ausbeutung etc.) verschmilzt, hat man alles richtig gemacht.

Solar Roadways (by Sam Cornett)

Mein persönlich liebstes Beispiel ist Solar Roadways: das sind kleine, aber ultrafeste Platten mit Photovoltaik-Elementen, Elektronik, verschiedenen Sensoren und LEDs integriert. Die Platten können wie Pflastersteine verlegt und miteinander verbunden werden. Durch die Sonneneinstrahlung sind sie permanent und umweltschonend mit Strom versorgt. Die LEDs können zentral gesteuert werden, um so die Fahrbahnmarkierungen anzuzeigen und z.B. aus zwei breiten Spuren drei schmale zu machen oder spontane Parkflächen oder Verkehrszeichen oder was auch immer. Die Sensoren können feststellen, wenn Tiere darüber laufen und die Fahrer blitzschnell schon ein paar hundert Meter vorher über die LEDs warnen.  Und die Platten sind beheizbar. Kein tonnenweises Ausbringen von Streusalz mehr, keine Glatteisunfälle mehr, keine Asphalterneuerungen mehr und vermutlich viel weniger Baustellen. Einfach die defekten Platten austauschen, fertig. Das ist echte Innovation! Und das Beste daran: es ist von Privatpersonen initiiert und sogar crowdfunded (siehe Episode 2). Das Vorhaben ist auf Indiegogo im Juni deutlich überfinanziert abgeschlossen worden. Statt der benötigten 1 Mio USD, sind über 2 Mio USD zusammengekommen. Schauen Sie mal hier: Die Holländer haben dieses Jahr bereits angefangen, ihre Radwege auf diese Weise zu bauen, während sich unser Neuland-Minister revolutionäre Gedanken über eine Pkw-Maut macht.

Die Beispiele Elbhochwasser, HomeKit und Solar Roadways zeigen eines jedenfalls sehr deutlich: Beim IoT sollte nicht nur daran gearbeitet werden, Dinge irgendwie smart zu machen. Sondern es sollte darum gehen, die Intelligenz ins Netz zu kriegen und darüber einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erschaffen. Hierbei besteht die Herausforderung vor allem darin, neue Geschäftsmodelle zu finden und in partnerschaftlichen ökonomischen Systemen zu denken. Der Mehrwert entsteht zukünftig nicht allein durch das Einzelprodukt einer Firma, sondern er wird gestiftet durch die firmenübergreifende Integration von Einzelgeräten und Diensten auf der Ebene von End-to-End-Prozessen.

Unternehmen, die kulturell nicht in der Lage sind, neue Geschäftsmodelle zu schmieden und Kooperationen (auch mit ihren Konkurrenten) einzugehen, werden es schwer haben. Das ist aber schwierig, denn der Effizienzsteigerungswahn der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass Unternehmen ihr Kerngeschäft perfektioniert und jeglichen „Ballast“ outgesourct haben. Zu dumm nur, dass das Schmieden neuer Geschäftsmodelle sehr häufig eine Neuausrichtung des Kerngeschäfts bedeutet.

Einstein soll einmal gesagt haben: „Der Horizont mancher Leute ist ein Kreis mit dem Radius null und heißt Standpunkt“. Für eine spannende, wertvolle Zukunft wäre hilfreich, diesen zu verlassen – jetzt.

In diesem Sinne: neugierig bleiben auf die nächste Episode!


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