Blog

Startup! Startup! Die kräftigen Kleinen (IoT-Blogserie, Episode 4)

In Episode 3 war zu lesen, inwiefern die neuen Möglichkeiten der digitalen Produktion in Kombination mit dem Megatrend der Individualisierung uns zunehmend unabhängig von Produkten machen und sich dadurch die Machtverhältnisse im Produktionssektor verschieben. Flexibilisierung in der industriellen Fertigung wird zur Kernfähigkeit und begünstigt digitale Produktion mit multifunktionalen Werkzeugen, was die Zulieferketten dramatisch verändern kann.

Zusätzlich zu den eingeleiteten Veränderungen kommen nun auch noch alle Dinge ins Internet und alles wird irgendwie smart.

An Smartphones haben wir uns schon gewöhnt. In der U-Bahn hab ich neulich die ersten Menschen gesehen, deren Smartwatch am Handgelenk vibriert, um eingehende Nachrichten auf ihrem Smartphone zu signalisieren. Hämmern zukünftig alle auf ihrem Handgelenk rum, statt auf ihrem Smartphone? Ich bin gespannt.

P1100759Mit Beacons lassen sich alle möglichen Gegenstände und Orte bekleben, um damit eine Kontext-Awareness für Apps zu schaffen. Der „Kauf mich!“-Ruf erfolgt in Zukunft ganz praktisch direkt auf die Smartwatch, wenn man am Geschäft vorbei läuft und leitet einen direkt per Indoor-Navigation zum Produkt und spielt uns einen schicken Infofilm in die Brille. Mit dem Paypal-Beacon zahlen wir interaktionslos ohne einen Finger zu kümmern. Die Drohne fliegt uns die Ware direkt nach Hause und ist vermutlich schon da, noch bevor uns das selbstlenkende Auto dorthin bugsiert hat.

dhl-drohneNoch ist es nicht ganz so weit. Intelligente Brillen kosten noch zu viel, und sind daher allenfalls ein Spielzeug für very early Adopter. Scheinbar traut sich auch niemand, sich damit in der Öffentlichkeit zu zeigen. Wahrscheinlich aus Sorge, das Ding von Datenschutzbedachten vom Gesicht gerissen zu kriegen. Und das selbstlenkende Auto ist noch im Prototyp-Stadium, während die Transportdrohne immerhin schon im Pilotbetrieb auf Juist ist.

hapi forkDie Gadget-Flut ist allerdings im vollen Gange. Diese Hapi-Fork hier habe ich Anfang des Jahres in USA entdeckt. Sie misst die eigene Essgeschwindigkeit und vibriert, wenn man zu sehr schlingt. Seinen Slow-Down-Fortschritt kann man per App und Internet überwachen. Wie immer, wenn neue Technologien den Markt überschwemmen, wird angeboten, was das Zeug hält. Vieles wird wieder verschwinden, einiges Nützliche wird bleiben.

Aber worin wird das Nützliche in Zukunft bestehen? Was stiftet morgen einen Mehrwert und für wen?

Das Internet der Dinge meint ja nicht, Gegenstände einfach nur mit einer IP-Adresse zu versehen. Das wäre just another thing in the internet (aber nicht Internet of Things). Smarte Kühlschränke (die bis heute vermutlich aus gutem Grund noch keine Realität sind) oder semi-schlaue Toaster machen noch lange kein Internet of Things. Echt nicht.

Also, was ist denn nun so neu an IoT? Ist es nicht einfach nur eine ganz gewöhnliche Evolution von technischen Möglichkeiten, wie wir sie schon seit Jahren erleben?

Jein (Gibt’s das Wort eigentlich schon im Duden?). Ich glaube, es ist wichtig, zwei Marktsegmente zu unterscheiden, in denen IoT passiert:

  1. Innerhalb oder zwischen Firmen und
  2. im Bereich der Endkunden

Das IoT innerhalb eines Unternehmens (oder auch zwischen mehreren) gibt es tatsächlich schon lange. Man denke an Telemetriedaten aus einem Flugzeugtriebwerk oder aus der Formel 1. Oder man denke an Kraftwerke und deren Leitstände oder an Fertigungsstraßen aus der Produktion. Hier gibt es viele Dinge, die über eine internetähnliche Struktur vernetzt sind und miteinander kommunizieren. Die Systeme sind oft immens teuer, weil sie individuelle Spezialanfertigungen sind und selten für ähnliche Zwecke wiederverwendet werden. Und die Anzahl der vernetzten Dinge, beispielsweise Triebwerke mit Sensoren, ist vergleichsweise überschaubar, vielleicht Tausende oder Zehntausende. Wie auch immer: hier findet eher Evolution statt, glaube ich. Viele Großunternehmen können ja gar nicht so schnell, wie sie müssten.

Das andere Segment ist das, was zwischen Firmen und Endkunden passiert. Hier spielt die Musik! Die neuen technischen Möglichkeiten fördern viele gute Ideen und Produkte zutage, die oft von Startups realisiert werden. Noch nie habe ich so viele Pilze aus dem Boden schießen sehen wie gerade im Moment. Und wie eigentlich immer ist es nicht der schon immer da gewesene Bedarf, der jetzt nun endlich gedeckt werden kann, sondern es ist umgekehrt: die neuen Produkte und Dienste schaffen erst einen Bedarf, von dem wir vorher nicht den blassesten Schimmer hatten, dass er entstehen würde. Hier reden wir auch eher über -zig Millionen Devices. Das ist schon technologisch eine Herausforderung in einer Dimension, wie wir sie bisher vor allem (und möglicherweise fast nur) bei Telko-Providern vorfinden.

Die eigentliche Relevanz für ein Unternehmen, das sich jetzt anschickt, in diese zweite Galaxie vorzudringen (oder glaubt, dies zu müssen), besteht darin, wie gut es mit seinem Netz aus Geräten und Diensten an dieses Endkunden-IoT andocken kann. Und zwar nicht nur technologisch, sondern vor allem hinsichtlich des Nutzens, den es mit seinen Produkten überhaupt stiften kann.

pippi_klDie Herausforderung dabei liegt mal wieder in der Umkehr der Machtverhältnisse. Beim Firmen-IoT herrschen Firmen über das Netz. Beim Endkunden-IoT gehört dieses Netz dem Volke. Und der Nutzen für Endkunden in einem Netz steigt in der Regel überproportional mit der Anzahl der Nutzer. Man nehme das Wettrennen zwischen Facebook und StudiVZ: das ist lange entschieden (wenn es denn überhaupt je eines war). Die Nutzer gehen dorthin, wo die meisten anderen sind. Für festgefahrene Unternehmen droht die Gefahr nicht vom großen Nachbarn, sondern von den kleinen Langstrümpfen. Kaum stellt ein Startup eine coole Sache auf’s Parkett, strömt die Netzgemeinde dorthin. Ganz gut zu sehen bei myTaxi: Zack! Und schon konkurrieren die großen Taxizentralen um ihre Bedeutungslosigkeit. Und so wird es auch für viele andere Netze zu beobachten sein.

Die Nutzendiskussion finde ich sehr aufregend, weil meine Sensoren gerade tektonische Verschiebungen bei den großen Unternehmen auf dieser Welt melden und Fähigkeiten berühren, die viele Firmen noch nicht haben (und dies häufig noch nicht einmal wissen). Was ich damit meine? Lesen Sie weiter in der nächsten Episode.


Bildrechte

[3] Hapi Fork: Christian Weiss

Rechte an diesem Artikel

(CC BY-SA 3.0 DE) – Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0

 

Sie dürfen:
Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten
Bearbeiten — das Material remixen, verändern und darauf aufbauen
und zwar für beliebige Zwecke, sogar kommerziell.

Der Lizenzgeber kann diese Freiheiten nicht widerrufen solange Sie sich an die Lizenzbedingungen halten.

Unter folgenden Bedingungen:

Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders.

Weitergabe unter gleichen Bedingungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder anderweitig direkt darauf aufbauen, dürfen Sie Ihre Beiträge nur unter derselben Lizenz wie das Original verbreiten.

Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt.

 

Über den Autor

Antwort hinterlassen