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Mach’s dir selbst: Produzenten in Gefahr (IoT-Blogserie, Episode 2)

In Episode 1 war zu lesen, warum die Informationsindustrie eigentlich unbedeutend ist, zumindest wenn man sich die Wertschöpfung beispielsweise des produzierenden Gewerbes im Vergleich dazu anschaut. Die Welt der Dinge ist vielfach größer als die der Digitalwirtschaft. Und in dieser Welt des Eigentlichen finden gerade ganz erstaunliche Entwicklungen statt.

Ein Beispiel: Als leidenschaftlicher Aviator interessiere ich mich brennend für Flugzeuge. Alle in meiner Umgebung wissen das, und so spielte mir mal ein Arbeitskollege ein Open Source Projekt namens Makerplane zu.

makerplaneDie meisten denken bei Open Source an Software, nicht so aber hier. Da haben sich ein paar Leute zusammen gerauft und erschaffen interdisziplinär einen Flugzeugbausatz, indem sie das fachliche Know-how von vielen Menschen weltweit anzapfen. Sie haben vor, die Konstruktionspläne und Bauanleitungen so verständlich zu formulieren, dass jeder halbwegs Bewanderte sein eigenes Flugzeug bauen kann.

foldit-gameUnd selbst vor Disziplinen, die bisher nur hochbezahlten Wissenschaftler in teuren Laboren vorbehalten war, macht der Trend des Crowdsourcing keinen Halt. Gutes Beispiel dafür ist das Online-Game Foldit: Wissenschaftler haben sich im Rahmen der AIDS-Forschung jahrelang bei der Optimierung von Proteinen die Zähne ausgebissen. Man suchte nach einer bestimmten Art, um Proteinketten zu falten (ich hab leider so überhaupt keine Ahnung davon).

Einer kam dann auf die Idee kam, die Intelligenz vieler Menschen und deren verteilte Rechner zu nutzen. Daraus ist ein Online-Spiel entstanden, in dem sich die Spieler im Wettbewerb gegeneinander herausfordern können. Das Problem der Protein-Faltung ist auf diese Weise innerhalb von drei Wochen gelöst worden.

Dieser Trend zur Open Innovation verstärkt durch die Nutzung von Schwarmintelligenz  unser Innovationspotenzial ganz gehörig.

Das Makerplane-Projekt ist aber nicht nur Open Source, sondern auch crowdfunded (hier auf der Plattform Indiegogo). Es hat zwar die Finanzierungsschwelle deutlich nicht erreicht, ist aber dennoch dank anderer Finanzierungsquellen gestartet.

börsencrashWir alle wachsen an Krisen. Und so hat die globale Bankenkrise von 2008 uns die Finanzierungslücke geschenkt. Sie ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Inhaber von glorreichen Ideen aber auch Investoren neue Wege finden mussten, um zueinander zu finden – et voilà, Crowdfunding ist da!

Indiegogo hat als eine der größten Crowdfunding-Plattformen seit seiner Gründung im Jahr 2008 ca. 250.000 Projekte beworben. Konkurrent Kickstarter kommt seit Gründung im Jahr 2009 auf weit über 100.000 beworbene Projekte. In Deutschland ist 2010 die Plattform Startnext dazu gekommen, und Kickstarter kommt im Herbst wohl auch nach Deutschland. Der Großteil von Crowdfunding-Plattformen ist zwischen 2012 und 2013 entstanden. Inzwischen dürfte es weltweit an die 500 geben – von den ganz Großen bis hin zu Nischen-Plattformen, die ausgesuchte Marktsegmente bedienen.

Erkennen Sie, was da passiert? Da paaren sich zwei Trends. Die florierenden Möglichkeiten des Crowdfunding zusammen mit dem Open Innovation-Trend machen es heute möglich, dass Menschen wie du und ich Projekte in Angriff nehmen können, die ein einzelner von uns nie vollenden könnte und vielleicht auch deswegen nie gestartet hat? Falls Sie es noch nicht getan haben sollten: tun Sie sich den Gefallen und stöbern Sie auf diesen Plattformen mal ein Weilchen durch die vielfältigen Projektideen. Nicht, dass Sie die Zukunft versäumen…

Inzwischen kommt ein weiterer Trend hinzu, und alles konvergiert irgendwie.

nadeldruckerDiesen Nadeldrucker Star LC-10 von Epson kennen Sie doch auch noch, oder? Der stammt aus den 1980ern. Heute hat jeder einen Farbtintenstrahldrucker oder gar –laserdrucker zu Hause, wenn nicht gar mehrere. Kostet ja nix. Das an sich ist nicht spannend. Vielmehr ist es die Zeit, die es von damals bis heute gedauert hat (für diejenigen, die gerade keinen Abakus zur Hand haben: das ist über 30 Jahre her).

3d-frauDiese junge Frau hier aus Berlin-Kreuzberg zeigt, was als nächstes passiert. Sie steht am Moritzplatz, wie sie unschwer am Schild im Hintergrund erkennen. Falls Sie jetzt glauben, die Berliner spinnen, so ein völlig überdimensioniertes Schild zu bauen: die Berliner sind ganz okay, die Frau ist nur ein 3D-Replikat.

Berlin hingegen ist im November 2013 um eine Attraktion reicher geworden – der erste 3D-Druckshop namens Botstop wurde eröffnet. Was die meisten Leute als erstes machen, ist, sich selbst komplett mit einem 3D-Scanner einscannen und dann ein Replikat von sich ausdrucken zu lassen.

3d-druckerDieser schicke 3D-Drucker von zeepro wurde Ende 2013 über Kickstarter als Projekt aus der Taufe gehoben und ist inzwischen seit September im Handel kaufbar. Er hat einen Multifarbkopf und ist selbstverständlich über das Smartphone steuerbar und besitzt eine eingebaute Kamera, mit der sich die Produktion remote überwachen lässt.

Einer der ersten 3D-Drucker Makerbot hatte (wie der Nadeldrucker) eingeschränkte Möglichkeiten und eine Optik, wie sie nur Nerds lieben können. Und das war erst 2010.

Nach nur 5 statt 30 Jahren sind wir an einem Punkt, wo die 3D-Drucker schick, benutzerfreundlich und bezahlbar geworden sind (also massenmarktfähig). Und ich wette: in 4 Jahren hat jeder Fünfte von uns einen zuhause stehen und druckt sich damit seine eigene Handy-Hülle, Lichtschalter, Ersatzteile und Geschirr aus.

3d-ortheseOder schauen Sie mal auf das Andiamo-Projekt, in dem die Eltern ihres mit 9 Jahren verstorbenen behinderten Jungen anderen behinderten Kindern helfen wollen, indem sie die üblichen lange Wartezeiten auf Orthesen durch Eigenproduktion mithilfe von 3D-Druck verkürzen wollen – selbstverständlich crowdfunded.

Für den Kleinkram nutzen wir in Zukunft also unseren eigenen 3D-Drucker. Für die großen Teile gehen wir mit unseren Digitalentwurf in den 3D-Druckshop.

Was ich eigentlich mit dieser Episode sagen will:

Das Internet hat uns die Möglichkeit geschenkt, schneller als je zuvor vom Tellerwäscher zum Milliardär zu werden (siehe Episode 1). Zeitgleich befinden wir uns technologisch als auch gesellschaftlich im Umbruch und können jetzt unser Innovationspotenzial durch das Schärfen und Finanzieren unserer Ideen noch viel stärker nutzen.

Und jetzt kommt noch die Möglichkeit hinzu, mit der Intelligenz und dem Kapital vieler diejenigen Dinge selbst herzustellen, die wir wirklich brauchen. Das kann und wird sehr wahrscheinlich ganze Firmen aus dem produzierenden Gewerbe in Frage stellen oder zumindest ein radikales Umdenken erforderlich machen.

Warum? Das will ich in der nächsten Episode skizzieren.

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