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Die Vision: unterschätztes Artefakt in Scrum?

Im aktuellen Scrum Guide ist die Vision nur ein einziges Mal erwähnt: als Aufgabe des Scrum Masters, dem Product Owner dabei zu helfen, dem Team die Vision deutlich zu machen. Das finde ich sehr schade, denn die Vision kann nicht nur dem besseren Verständnis des Entwicklungsauftrags dienen, sondern tatsächlich so etwas wie eine teambildende Maßnahme sein, so geschehen in einem meiner aktuellen Projekte.

Der Product Owner hatte zwar so etwas wie eine grobe Vorstellung davon, was in der Vision stehen soll, aber wir beschlossen, das Team in die Erarbeitung der Vision einzubinden. Es handelte sich nicht um ein Entwicklungsprojekt, sondern eher um ein Change-Projekt, in dem Prozesse in einem Unternehmen vereinheitlicht werden sollten. Das Transitionsteam traf sich also und wurde vom Product Owner über die Ziele und groben Inhalte des Projekts informiert. Das Ergebnis war ziemlich ernüchternd: Es gab kaum Reaktion, wenig Diskussion und irgendwie auch keine gute Stimmung.

Dann hatten wir die Idee, gemeinsam eine Vision zu formulieren. Herangetastet haben wir uns, indem wir uns zunächst Gedanken über die Zielgruppe, deren Bedürfnisse und Keyfeatures zur Befriedigung dieser Bedürfnisse zu unserem Change-Produkt gemacht haben. Die lebhafte Diskussion an diesen konkreten Fragestellungen half allen, ein besseres Bild von den vorher recht abstrakten Zielen zu bekommen. Man spürte recht schnell einen Teamgeist aufkommen und die Arbeit machte richtig Spaß. Klar haben wir am Ende auch eine tolle Vision formuliert, aber der Prozess, diese Vision gemeinsam erarbeitet zu haben, war der eigentliche Nutzen. Hätte der Product Owner eine fertige Vision vorgestellt, wäre dieser Effekt nicht entstanden.

So gesehen ist eine Vision viel zu schade, um im stillen Kämmerlein geboren zu werden!

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Über den Autor

Carsten Sahling

Als klassischer Projektmanager (GPM), Certified Scrum Professional, Professional Scrum Master, Agile Project Management Practitioner, agiler Coach und Trainer vereine ich verschiedene Sichtweisen des Projektmanagements und helfe damit insbesondere größeren Unternehmen, die traditionell eher klassisch aufgestellt sind, bei der Einführung in die agile Denkweise und bei der erfolgreichen Durchführung auch großer agiler Projekte.

2 Kommentare

  1. Hi Olli,

    danke für die Richtigstellung! Ich war mit meiner Aussage noch bei der 2011er Version. Aber so gesehen ist es ja eher noch schlimmer geworden!

    Für mich sind Sprintziele und eine Produktvision allerdings schon recht unterschiedliche Dinge. Ein Sprintziel ist anfassbar und vor allem versuchen die Entwickler dieses Ziel ganz konkret zu erreichen. Und im nächsten Sprint ist es dann wieder ein neues Ziel.

    Die Vision gibt eher global die Richtung vor und gilt für die gesamte Projektlaufzeit. Sie ist nicht zwingend erreichbar, sondern dient mehr dazu, einen Rahmen abzustecken und mit vielen Adjektiven den emotionalen Charakter des Produktes zu beschreiben. Gerade in Zweifelsfragen der Detailimplementierung sollte die Vision dann dazu dienen, noch einmal diese Grundrichtung in Erinnerung zu rufen, um die Philosophie des Produktes nicht zu verletzen.

    Ich werde in den nächsten Tagen übrigens einen Blogartikel veröffentlichen, der auf die konkreten Änderungen im Scrum Guide konkret eingeht.

    Viele Grüße
    Carsten.

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