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Vortrag unplugged: Malen mit dem Management

Vorträge benötigen neben der Tonspur des Sprechers einen visuellen Part, um beim Zuhörer wirklich im Gedächtnis zu bleiben.

Die visuelle Repräsentation des Inhalts erfolgt meistens über alle Branchen und Hierarchieebenen mittels Powerpoint-Folien. Über die richtige Gestaltung gibt es etliche Untersuchungen und Best-Practice-Anweisungen: Die Anzahl der Begriffe auf einer Folie sollte sich hier umgekehrt proportional zur Größe und Aussagekraft der Grafiken verhalten – zu Lasten der Begriffe versteht sich.

Ein paar Exoten weichen allerdings vom Konsens der digitalen Folien ab und verwenden als Medium analoge Flip-Charts, Whiteboards und Metaplanwände, die Trainer immer wieder vergebens anpreisen.  Betrachtet man jedoch die auf das Medium übertragenen Informationen, überwiegt häufig ein Mindestmaß an Kreativität. Ein paar Kreise, ein paar Pfeile und einzelne Begriffe ergänzen die Tonspur. Sie dienen im Moment des Zeichnens als zusätzliche unterstützende Geste. Alleinstehend liefern sie selten einen Mehrwert.

Kontextwechsel: Alle Jahre wieder strahlen die Privatsender so genannte interaktive IQ-Shows aus. Hierbei werden die Zuschauer motiviert, vom heimischen Sofa aus eine Vielzahl von Aufgabenstellungen zu bearbeiten. Bleibt man durchgehend am Bildschirm, absolviert jede Aufgabe und notiert fleißig seine Ergebnisse (ohne beim Nachbarn abzugucken), erhält man am Ende eine Einstufung des eigenen intellektuellen Leistungsvermögens. Während sowohl Showmaster als auch Automarke des Gewinnspiels innerhalb kürzester Zeit in Vergessenheit geraten sind, hat sich mittlerweile durch stete Wiederholung der Expertentipps von Gedächtniskünstlern ein good practice beim Zuschauer festgesetzt: Will ich mir eine Vielzahl von Gegenständen in begrenzter Zeit nachhaltig merken, muss ich sie beim fiktiven Durchlaufen meiner morgendlichen Routine vor dem inneren Auge auf Klobrille und Zahnbürstenhalter positionieren. Ergo: man soll zu merkende Gegenstände visualisieren und in einen geschichtlichen Kontext bringen. Dann steht man beim nächsten „Ich packe meinen Koffer und nehme mit…“ ganz sicher als Gewinner da.

Je mehr Sinneswahrnehmungen wir in eine Erinnerung einbeziehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie auch nachhaltig abrufen können. Was dann noch fehlt, ist die Verknüpfung der Bilder über einen roten Faden. Der Königsweg scheinen also Bilder im narrativen Kontext zu sein.

Berücksichtigt man nun die kaum ausgeschöpften Potentiale der visuellen Repräsentation durch analoge Medien, betrachtet die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses und gibt eine Prise Kreativität hinzu, drängt sich dem ambitionierten Wissensvermittler die folgende Erkenntnis geradezu auf: Vermittle Inhalte über visuelle Symbole und Metaphern. Erzähle eine Geschichte mit deinen Grafiken.

Doch was tun, wenn es im Kunstunterricht nie für mehr als eine 3- gereicht hat?

Iterativ

Iterativ: Schrittweise Näherung zur gewünschten Ausbaustufe. Jeder Weg führt zum Ziel. Doch welcher ist hinreichend?

Längst gibt es Kurse von professionellen „Visual Facilitators„, die auch dem unbegabtesten Künstler Methoden an die Hand geben, um die gewünschten Aussagen visuell gekonnt in Szene zu setzen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Ergebnis schon nach kurzer Zeit beeindruckend ist.

Das Vortragsportfolio unserer Firma umfasst Konferenzvorträge, Trainings, Schulungen, User-Groups, interne Kolloquien uvm.
In einem ersten Probelauf gestalteten wir eine unserer Schulungen um: von Folien hin zu ausschließlich handgemalten Bildern. Sowohl intern als auch beim ersten Kundeneinsatz waren die Beteiligten von der Umsetzung sehr angetan.

Scrum Prozess

Der Scrum-Prozess mit seinen Kern-Meetings und den wichtigsten Artefakten. Jedes Bild fokussiert auf die wichtigsten Aspekte und erzählt für sich eine Geschichte. In Kombination ergibt sich ein Prozess mit hohem Detailgrad, der dennoch nicht überfrachtet wirkt.

Berücksichtigen sollte man zu Beginn der Umstellung auf selbst gemalte Bilder, dass es reelle Zeit und Übung kostet, sich ein Basis-Repertoire an Zeichnungen anzulegen. Man arbeitet sich in dem Fall von vorgezeichneten und laminierten Bildern über rudimentäre  Live-Zeichnungen zur tatsächlichen Visual Facilitation vor. Letztere verlangt einen reichen Vorrat an Motiven, viel Übung und ein Auge für Gesamtkonstrukte. Sie ist dafür gedacht, Diskussionen ähnlich einer Stenographie live abzubilden. Die Kunst liegt hierbei neben der Mechanik des Zeichnens hauptsächlich in der Fähigkeit, Inhalte zu abstrahieren und auf das Nötigste zu reduzieren.
Ist man neu in der Materie und befindet sich noch bei der Motiv-Findung, entfällt ein Großteil der Zeit auf die inhaltliche Vorbereitung. Mit welchen Motiven lässt sich der Sachverhalt am treffendsten beschreiben? Ähnlich wie in der testgetriebenen Entwicklung wandert der Aufwand zum Großteil in die Vorarbeit und damit weg von der eigentlichen Implementierung. Sieht man anschließend das Ergebnis, ist man häufig erstaunt, wie simpel und elegant es doch geworden ist.

Weiterhin sollte man beim rein analogen Vortrag berücksichtigen, dass der rote Faden durch die Folien entfällt. Gerade dieser Punkt wandelte sich in unserem Fall schon beim Ersteinsatz in einer Schulung zum deutlichen Vorteil. So gestaltete sich der Ablauf wesentlich freier und erlaubte eine natürlichere Einbindung der Zuhörer. Während die übergreifende Strukturierung der Schulung ein wenig Kreativität erforderte, lieferten die Bilder an sich einen eigenen roten Faden. Mehr noch, sie gaben durch ihre mehr oder weniger vorhandenen Details einen inhaltlichen Rahmen und fokussierten so im Moment des Vorstellens die inhaltliche Tiefe. So verringerte sich das Risiko, die Zuhörer gleich zu Beginn zu überfordern.

In Vorträgen jeder Art geht es darum, Inhalte so lebendig wie möglich zu vermitteln. Neben dem Wissenstransfer als oberstem Ziel hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass dieser auch Spaß machen darf. Denn nur wer positiv auf einen Vortrag zurückblickt, wird sich in der Folgezeit tiefer mit dem Thema beschäftigen. Das gilt für Schüler genau so wie für Entwickler oder Top-Entscheider. Gerade, wenn man wenig Zeit hat, ein Thema vorzustellen oder die Adressaten es gewohnt sind, gut aufbereitete Informationen zu erhalten, bieten sich Bilder an, deren lebendiger Inhalt aufs Wesentliche reduziert ist.

Entschließt sich der Vortragende letztendlich dazu, den mutigen Schritt zur handgemalten Grafik zu gehen, zeigen Erfahrung und Wissenschaft, dass es viel zu gewinnen gibt.

Drum greift zum Stift und malt mit dem Management!

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