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Scrum Alliance – ein Zickzackweg bei den Professionals

Die Scrum Alliance, als Mutter der agilen Zertifikate, hat von jeher einen Karrierepfad definiert. Der Certified ScrumMaster (CSM) ist ursprünglich als Marketing-Mittel von Ken Schwaber erfunden worden. Bis 2008 war das Zertifikat trotz des gewaltigen Namens eine simple Teilnahmebestätigung für einen Zweitageskurs. Dann wurde ein Online-Test eingeführt, der zumindest das Grundwissen zu Scrum abfragt. Die nächste Stufe ist dann der Certified Scrum Professional (CSP, ehemals Practitioner). Dieses Zertifikat soll manifestieren, dass der Inhaber ein tiefes Verständnis von Scrum hat und außerdem sein Wissen in der Praxis erfolgreich angewendet hat. Um dies zu beweisen, musste man bis Ende 2011 einen Fragebogen ausfüllen, der einige Fragen zur Anwendung von agilen Praktiken stellt. Insgesamt auch keine große Hürde, ehrlich gesagt. Die darauf aufbauenden Grade des Certified Scrum Coach und Trainer (CSC bzw. CST) sind da schon von einem ganz anderen Kaliber. Testate von Kunden und tatsächlich richtig viele nachgewiesene Coaching-Stunden, mündliche Prüfungen und aktive Mitarbeit bei der Scrum Alliance sind dann schon Hürden, die nur Fulltime-Coaches schaffen können. Der Vollständigkeit halber seien noch der Certified Scrum Product Owner (CSPO) und der neu entwickelte Certified Scrum Developer (CSD) erwähnt, die von der Hierarchie her auf einer Stufe mit dem CSM stehen und einfach einen anderen Schwerpunkt im Basistraining bieten.

Aber zurück zum CSP-Zertifikat: Offensdas CSP-Logoichtlich erschien der Scrum Alliance (SA) das bisherige Verfahren zu lasch. Deshalb wurde von freiwilligen SA-Mitgliedern ein Fragebogen entwickelt, der eine echte Hürde darstellen sollte. Zitat von der Seite der SA (natürlich übersetzt): „Die Absicht hinter dem CSP-Zertifizierungsprogramm ist, einen klar definierten und wohl respektierten Nachweis in der agilen Community anzubieten und zwar als den anerkanntermaßen besten Nachweis für Scrum Professionals, der von potenziellen Arbeitgebern gesucht und verlangt wird.“ Eine richtig knackige Prüfung also, die einen auf dem Arbeitsmarkt in die erste Reihe katapultiert. (Selbst Mike Cohn, agiler Veteran der allerersten Stunde und Chairman der Scrum Alliance, hat zugegeben, dass er die Prüfung ohne intensive Vorbereitung nicht schaffen würde!)
Bei diesem Versuch ist man meiner Meinung nach allerdings weit über das (durchaus ehrenhafte) Ziel hinausgeschossen!

Mal abgesehen davon, dass der Test nur gegen Lichtbild-Ausweis bei bestimmten Zertifizierungsstellen durchgeführt werden kann (nur drei in Deutschland) und die 300 Dollar Gebühr verfallen, wenn man den (zugeteilten!) Termin nicht wahrnehmen kann, sind die 150 Fragen in drei Stunden echt sportlich. Allein die empfohlene Liste der Dokumente zur Vorbereitung umfasst 25 (!) Bücher und Artikel und zwar neben den üblichen Standardwerken auch welche, die sehr tief in Entwicklungspraktiken einsteigen (Clean Code, CI, TDD, Refactoring, usw.)

Beispielfrage aus der Prüfung:
Wie heißt die Refactoring-Methode, in der ein Abschnitt einer langen Methode in eine eigene Methode ausgelagert wird, die dann von der Original-Methode aufgerufen wird?
Mögliche Antworten:
a) Introduce indirection
b) In-line method
c) Replace local with field
d) Extract method

Nun bin ich mir sicher, dass jeder halbwegs talentierte Entwickler die Antwort auf Anhieb weiß. Aber der Punkt ist: was hat das mit Scrum Professionals zu tun? Eine der besten Scrum Coaches, die ich kenne, ist keine Entwicklerin und würde an diesen Fragen hoffnungslos scheitern! Aus meiner Sicht ist der Test extrem entwicklungslastig, und das finde ich schade. Nach meinem Dafürhalten sollte Wert auf die agilen Werte und Praktiken gelegt werden und der Schwerpunkt auf Coaching und Prozessfragen liegen.

Natürlich muss ein Scrum Professional wissen, dass Refactoring gut und wichtig ist, aber Details zu CI-Tools oder einzelnen TDD-Schritten gehen doch um einiges zu weit. Darin liegt doch gerade die Stärke der cross-funktionalen Teams: jeder weiß alles so ein bisschen, ist aber trotzdem in dem einen oder anderen Bereich richtig gut. Deshalb muss ein professioneller Coach auch nur Basiswissen über XP-Praktiken besitzen, die Experten auf dem Gebiet sollten die Entwickler sein.

Offensichtlich bin ich nicht der einzige Scrum Professional, der so denkt. Nach nur 5 Monaten wird dieser Test nun wieder eingestellt und, man höre und staune, das Zertifikat ganz ohne Test verlängert, wenn man denn bereit ist, die Gebühr von 300 Dollar zu bezahlen. Ein Schuft, der Böses dabei denkt! Sollte vielleicht der Einnahmenknick der Scrum Alliance zu dieser Kehrtwende geführt haben, weil viele Scrum Professionals die Nachprüfung genauso verweigert haben wie ich?

Über den Autor

Carsten Sahling

Als klassischer Projektmanager (GPM), Certified Scrum Professional, Professional Scrum Master, Agile Project Management Practitioner, agiler Coach und Trainer vereine ich verschiedene Sichtweisen des Projektmanagements und helfe damit insbesondere größeren Unternehmen, die traditionell eher klassisch aufgestellt sind, bei der Einführung in die agile Denkweise und bei der erfolgreichen Durchführung auch großer agiler Projekte.

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