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Business-IT-Alignment – Realität oder doch nur Buzzword?

„Die IT orientiert sich am Business und fördert dadurch die schnelle Reaktion auf geänderte Anforderungen“ – so oder so ähnlich lautet die gängige, Marketing-schwangere Beschreibung für Business-IT-Alignment. Das klingt nicht nur vielversprechend, sondern ist auch ein Hauptgrund dafür, dass Prozess- und Serviceorientierung im Rahmen von groß angelegten BPM/SOA-Initiativen immer mehr Anwendung finden. Retrospektiv stellt sich aber doch oft die Erkenntnis ein, dass das durch Business-IT-Alignment gemachte Versprechen nicht oder nicht im erwünschten Maße eingelöst wird. Die erwartete Effizienzsteigerung bei der Neu- und Umgestaltung von Prozessen bleibt aus – und IT und Fachbereich fühlen sich so gar nicht „aligned“.

Die gute Nachricht ist, dass dies nicht grundsätzlich darauf zurückzuführen ist, dass der Ansatz BPM/SOA nicht trägt oder dass bei der Prozess- und Servicegestaltung eklatant „danebengelegen wird“. Aber was ist es dann, was zum letztlichen Kick fehlt, wenn doch die fachliche Schneidung von Prozessen und Services sinnvoll ist und auch die technische Umsetzung den Regeln der Kunst folgt?

Align auf weiter Flur

Meiner Meinung nach ist die wichtigste Erkenntnis, dass ein sauberer Serviceschnitt, getrieben von fachlicher Abhängigkeit und Kohäsion, sowie eine für das Unternehmen maßvolle Prozessorientierung zwar zwei enorm wichtige Schritte in Richtung auf Business-IT-Alignment sind, aber organisatorische und sogar kulturelle Dinge eine mindestens ebenso große Rolle spielen.

Zusammenarbeit

Die Fachbereiche und die IT müssen zumindest an den entscheidenden Stellen die gleiche Sprache sprechen, und sie müssen dies auf Augenhöhe tun. Ein Fachbereich, der nur halbausgegorene Konzepte über den Zaun wirft und danach in bester Nach-mir-die-Sintflut-Manier den Rückzug probt, sitzt nicht mit der IT im gleichen Projektboot. Genauso wenig tut dies die IT, die für sich selbst die fachliche Gestaltung in Anspruch nimmt und die Fachbereiche nicht im gebotenen Maße einbindet und in die Verantwortung nimmt. IT-Projekte, die einen fachlichen Mehrwert bieten sollen, sind eine Gemeinschaftsleistung von Fachbereich und IT, und dabei ist eine Zusammenarbeit „Hand in Hand“ nun mal der Schlüssel zum Erfolg. Was wir also brauchen, sind interdisziplinäre, gleichberechtigte Teams, die über den gesamten Projektverlauf optimalerweise in räumlicher Nähe zusammenarbeiten.

Die gemeinsame Sprache

Der Fachbereich wird nicht aus dem Stand exakte Modelle (BPMN oder UML) erzeugen oder auf den Punkt formulierte, lückenlose und widerspruchsfreie Konzepte liefern. Hier kann aber die IT den Anschub geben und helfend zur Seite stehen. Wir verwenden in unseren Projekten gern ein speziell entwickeltes Use-Case-Template, das der Fachbereich anstelle von Prosabeschreibungen nutzt, um seine Anforderungen zu definieren. Es beinhaltet neben einer strukturierten Ablaufbeschreibung auch Abschnitte zu weiteren Aspekten, die in der Prozess- und Serviceorientierung eine Rolle spielen: Verantwortlichkeit des Prozesses bzw. Services, Vorbedingungen, Nachbedingungen, etc. Häufig sind es genau diese Dinge, die zwar anfänglich Schwierigkeiten in der Benennung beim Fachbereich bereiten, aber letztlich sind auch genau diese Fragestellungen gemeinsam mit anschaulichen Modellen der Schlüssel dazu, einen Prozess oder Service als fachlich getriebene Einheit, also etwas Plastisches zum Anfassen und nicht nur als abstraktes Stück Software, zu verstehen.

Parallel zur Use-Case-Beschreibung entstehen die ersten, fachlichen Modelle in BPMN und UML. Entscheidend ist, dass die Modelle die Fachlichkeit sauber und für ALLE Beteiligten verständlich herausarbeiten und darstellen. Sie dienen während der Konzeption als Diskussionsgrundlage und werden in der Folge immer weiter verfeinert und um technische Aspekte angereichert. Letztlich beschreiben sie sehr strukturiert die zu entstehenden Prozesse, Services und Geschäftsobjekte.

Entwicklungsprozess

Die fachliche Konzeption und Beschreibung ist aber nur ein Teil in der Kette von der „Vision“ oder dem „Big Picture“ zum laufenden System. In unseren Projekten bettet sich dieser in einen integrierten Entwicklungsprozess ein. Integriert? Ein Schlüsselaspekt des Entwicklungsvorgehens ist, dass der Fachbereich und die IT über sehr weite Strecken gemeinsam arbeiten.

Wie weiter oben erwähnt, ist gerade zu Beginn einer BPM/SOA-Initiative Unterstützung des Fachbereichs bei der prozess- und serviceorientierten Konzeption durch IT gefragt. Der Unterstützungsbedarf nimmt allerdings mit der Zeit ab. Dennoch ist es sinnvoll, die fachliche Konzeption durch die IT begleiten zu lassen, um den Übergang von der fachlichen in die technische Konzeption mit ihren Hürden und Rückkopplung möglichst fließend zu gestalten. Im Optimalfall können Optimierungspotenziale oder technische Restriktionen, die sich tatsächlich auch auf fachlicher Ebene auswirken können, schon sehr früh im Entwicklungsprozess berücksichtigt und direkt gemeinsam eine Alternative erarbeitet werden.

Das Konzept ist also fertig und es beginnt die Entwicklung. Spätestens jetzt kann der Fachbereich aber wirklich nicht mehr unterstützen, oder? So ideal ist die Welt in der Praxis leider nicht. Wie oft gibt es Verständnisfragen oder doch erst während der Entwicklung festgestellte Lücken oder Hindernisse? Machen wir uns nichts vor: wir brauchen auch hier den ständigen Dialog zwischen IT und Fachbereich oder zumindest kurze, direkte Kommunikations- und Entscheidungswege.

Wir können diese Kette nun fortführen bis hin zu automatisierten Abnahmetests, aber die Argumentation bleibt dieselbe: es bleibt der Bedarf, dass IT und Fachbereich ständig und auf Augenhöhe miteinander reden und arbeiten.

Fazit

Software-Artefakte allein – seien sie noch so toll fachlich gestaltet und technisch programmiert – sind kein Business-IT-Alignment, allenfalls Teil der Grundlage dafür. Business-IT-Alignment findet erst statt, wenn es in der Praxis im Lebenszyklus von Prozessen und Services in der täglichen Zusammenarbeit Berücksichtigung findet.

Das soll niemanden abschrecken, im Gegenteil: ich bin immer wieder positiv überrascht, wie schnell bei Fachbereichen das Verständnis von Prozess- und Serviceorientierung reifen kann und wie sehr sich dies auf die Qualität von Konzepten und die Entwicklungsgeschwindigkeit auswirkt.

Über den Autor

Roman Schlömmer

Roman ist einer der beiden Vorturner im Bereich BPM/SOA und daneben noch begeisterter Audi V8 Fahrer, Ente V8 Esser und Vater einer kleinen Tochter...

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