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SEACON, Jahr 3: Experiment geglückt

Die diesjährige SEACON hat wieder einmal gezeigt, dass die Besucher von einer zeitgemäßen IT-Konferenz nicht nur fundierte praxisnahe Vorträge erwarten, sondern sich aktiv in das Konferenzprogramm einbringen wollen.

In einer vom Wandel geprägten Zeit muss auch die IT-Branche lernen, mit Veränderungen menschlich umzugehen. Trotzdem muss sie nach wie vor unablässig gute Software produzieren – Wandel hin oder her. Und so reift langsam die Erkenntnis, dass neben guten Werkzeugen, Architekturen und Konzepten für die Entwicklung und den Betrieb von Softwaresystemen auch Veränderungsprozesse benötigt werden, die alle Mitarbeiter in die neue Welt mitnehmen. Deshalb hat der Fachbeirat der SEACON auch in diesem Jahr einen entsprechenden Themenbogen gespannt, der von technischem Expertenwissen über fundierte Praxisberichte bis hin zu Soft Skills reicht.

Dieser Themenbogen spiegelte sich schon in der ersten Keynote am Montagmorgen wider. Dr. Horst Karaschewski, Leiter der Anwendungsentwicklung bei der HanseMerkur Versicherungsgruppe, berichtete offen und ehrlich aus einem großen Projekt, in dem das Geschäftsprozessmanagement besser automatisiert und mit einer (ebenfalls neuen) serviceorientierten Architektur verknüpft wurde. Soweit die technischen Herausforderungen. Mindestens genauso herausfordernd sind die organisatorischen und sozialen Aspekte, die mit einem solchen Projekt verknüpft sind. Der Softwareentwicklungsprozess wurde auf Scrum umgestellt, die Teams interdisziplinär zusammengestellt. Das funktioniert nur, wie Herr Dr. Karaschewski betonte, wenn man die Menschen „mitnimmt“.

Dass dieses „Mitnehmen“ nicht für jeden Menschen auf die gleiche Weise funktioniert, zeigten Peter Siwon und Rudolf Eckmüller in ihrem kurzweiligen Vortrag. Sie stellten das DISG-Persönlichkeitsmodell vor und zeigten, wie die vier Verhaltensmuster, die dieses Modell beschreibt, auf Veränderungen reagieren. Mit diesem Wissen war es dann fast offensichtlich, wie man Menschen abhängig von ihrem Persönlichkeitsprofil in einen Veränderungsprozess einbindet, ohne sie abzuschrecken oder zu überfordern. Ein schönes Lehrstück in Sachen Diversität.

Dass das Kunststück gelingen kann, ein fachlich und technisch anspruchsvolles Projekt in einem konservativen Umfeld sehr erfolgreich agil umzusetzen, stellten Jörg Landmann (Lufthansa Technik) und mein Kollege Carsten Sahling in ihrem Erfahrungsbericht unter Beweis. Die angeregten Diskussionen während des Vortrags und auch danach zeigen, dass das Interesse an einem funktionierenden agilen Vorgehen sehr groß ist. Am besten funktioniert es, wenn man von Beginn an erfahrene agile Trainer und Coaches zu Rate zieht.

Knifflig wurde es in der Session von Jörg Dirbach und Markus Flückiger. Sie stellten dem Publikum kleine Denksportaufgaben (z.B. die Türme von Hanoi), um anschließend gemeinsam Problemlösungsstrategien zu entwickeln, den Softwareentwicklung – so auch der Titel der Session – ist eine Sache des Verstandes.

Das Open-Space-Format wurde wie immer sehr gut angenommen. Es entwickelten sich spannende Diskussionen zu ganz unterschiedlichen Themen, beispielsweise das Werteverständnis der Mitarbeiter eines Unternehmens (siehe Foto).

In der Keynote von Friedrich Führ wurde der Tellerrand der klassischen IT mehr als einmal verlassen. Herr Führ ist Gründer der DESERTEC Foundation, die sich für sauberen Strom aus Wüsten für Klimaschutz und globale Energiesicherheit einsetzt. In seinem Vortrag ging es allerdings weniger um DESERTEC selbst als vielmehr um seine persönlichen Gründe, sich für dieses Projekt einzusetzen. Er möchte nicht irgendwann von seinen Kindern gefragt werden: „Was war eigentlich dein Beitrag zur Abschwächung des Klimawandels? Du wusstest doch, dass das ein großes Problem für die nachfogenden Generationen wird!“ Ein starkes Argument, mit dem Herr Führ sein Publikum dazu animierte, sich einmal Gedanken darüber zu machen, was einem wirklich wichtig ist – und sich genau dafür einzusetzen. Diese Keynote hat bei allen Zuhörern einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass noch beim Begrüßungskaffee am zweiten SEACON-Tag intensiv über den Vortrag diskutiert wurde.

Am zweiten Konferenztag warfen Carola Lilienthal, Jochen Meyer, Bernd Oestereich, Henning Wolf und ich einen Blick in die Glaskugel. Heraus kamen fünf unterschiedliche Einschätzungen der Zukunft, die nicht einmal auf unsere Branche beschränkt waren. So diskutierten wir schließlich im Rahmen einer Fishbowl die von Bernd Oestereich aufgestellte These, dass uns die Kontrolle entgleitet. Der Betrachtungsgegenstand schwankte im Laufe der Diskussion zwischen Softwareentwicklung, Organisationsentwicklung und Weltpolitik – und das war gut so.

Bei der nachmittäglichen Keynote führte Prof. Dr. Dieter Wallach den Zuhörern sehr anschaulich vor Augen, wie wichtig ein gutes Usability Management ist. Die mitgebrachten Beispiele von Benutzungsoberflächen, die seine Firma ERGOSIGN analysiert und bearbeitet hatte, hatten einen beeindruckenden Vorher-Nachher-Effekt. Nachdem mit der Keynote das Verständnis geweckt war, konnte Björn Lubbe einem interessierten Publikum seine praktischen Erfahrungen bei der Einführung eines Usability Management vermitteln.

Die Pecha Kuchas (an beiden Tagen, in Summe zehn Kurzvorträge) waren sehr hochkarätig. Dieses kurzweilige und für den Vortragenden sehr anspruchsvolle Format hat seinen festen Platz auf der SEACON gefunden, und die Sprecher können immer besser mit dieser kondensierten Form der Wissensvermittlung umgehen. Trotzdem bedeutet Pecha Kucha immer: Adrenalin pur. Ich spreche da aus eigener Erfahrung, durfte ich doch in 6 Minuten und 40 Sekunden einen Vergleich zwischen Feuerwehrteams und agilen Softwareentwicklungsteams ziehen.

Wenn ich ein Fazit ziehen soll, dann das folgende: Die SEACON wurde 2009 als Austauschplattform für diesen Themenkomplex (Softwareentwicklung und Veränderungsmanagement) aus der Taufe gehoben. Nach drei SEACON-Jahren kann man sagen: Experiment geglückt.

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